Im September trafen sich die Spitzenvertreter der deutschen, französischen und italienischen Industrie in Berlin, um das überfällige Investitionsklima in der Europäischen Union zu diskutieren. Die drei Verbände – BDI, Medef und Confindustria – sahen sich einig: Ohne klare Signale für privates Kapital bleibt die Wettbewerbsfähigkeit Europas gefährdet.
Gleichzeitig rutschten die europäischen Börsen im Jahresverlauf immer weiter an die US-Märkte heran. Der Stoxx Europe 600 hat inzwischen fast die gleiche Performance wie der S&P 500, weil das Gewicht des Technologiesektors in Europa deutlich geringer ist als in den USA. Diese Entwicklung verknüpft die beiden Themen – Industriepolitik und Finanzmarkt – zu einer gemeinsamen Herausforderung für die EU.
Trilaterales Treffen in Berlin – Forderungen der Industrie
Peter Leibinger, Präsident des deutschen Wirtschaftsverbands BDI, betonte, dass die EU-Staaten ihre Ausgaben-struktur überdenken müssten. Mit jährlichen Sozialausgaben von rund 1,1 Billionen Euro, die die Steuereinnahmen übersteigen, müsse das Finanzbudget neu gewichtet werden, um Anreize für private Investitionen zu schaffen. Er forderte klare Regeln und ein konzentriertes Vorgehen bei der Mobilisierung von Kapital.
Emanuele Orsini, Chef der italienischen Confindustria, kritisierte die Verschwendung öffentlicher Gelder und wies darauf hin, dass europäische Unternehmen nicht nur preislich, sondern auch in puncto Sicherheit konkurrenzfähig sein müssen. Er warb für die Sicherung kritischer Lieferketten, etwa bei der Produktion von Antibiotika, damit diese nicht ausschließlich nach China verlagert werden.
Fabrice Le Saché, Vizepräsident des französischen Medef, lenkte die Diskussion auf die Bankenlandschaft. Europäische Institute müssen laut seiner Aussage rund 100 Milliarden Euro mehr Eigenkapital vorhalten als ihre internationalen Gegenstücke – zur Hälfte bedingt durch regulatorische Vorgaben, zur anderen Hälfte durch Aufsichtspraxis. Für ihn sei Investition das einzige Mittel, um aus der gegenwärtigen Krise herauszukommen, und er drängte auf ein schnelleres Reformtempo, um die Energiekrise zu überwinden.
Aktienmarkt: Europa holt Wall Street ein
Seit Mitte Oktober haben Zweifel an der Nachhaltigkeit des KI-Booms die US-Technologieindizes stark belastet. Der Nasdaq verzeichnete einen Rückgang von fast sieben Prozent, der stärkste Monatsverfall seit März 2025. Infolgedessen wandten Anleger ihr Kapital vermehrt defensiven Sektoren zu, während das Gewicht von Technologie im Stoxx Europe 600 lediglich bei neun Prozent liegt – im Vergleich zu fast vierzig Prozent im S&P 500.
Die Verschiebung in den Portfolios führte dazu, dass der europäische Index im dritten Quartal nahezu gleichauf mit dem US-Hauptindex lag. Trotz anhaltend hoher Ölpreise über 100 US-Dollar pro Barrel und wachsender sozialer Unruhen blieb die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Kontinents überraschend robust: Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im Q3 um 0,4 Prozent, das Doppelte der von Analysten erwarteten Rate.
Unternehmensgewinne untermauerten diese Entwicklung. Laut Bloomberg stiegen die Gewinne je Aktie der im MSCI Europe gelisteten Unternehmen um 23 Prozent, fast gleichauf mit den 24 Prozent im S&P 500. Gleichzeitig übertrafen Analysten in Europa seit sechs Monaten die Zahl der Gewinnaufrüstungen die der USA, wo die Erwartungen überwiegend nach unten korrigiert wurden.
Bewertungsseitig erscheint Europa attraktiver: Der Stoxx Europe 600 wird aktuell mit dem 14-fachen der erwarteten Gewinne für das nächste Jahr gehandelt, wohingegen das S&P 500 bei etwa 19 liegt. Diese Preis-Gewinn-Differenz macht europäische Aktien für internationale Investoren besonders interessant.
Makroökonomische Lage – Industrieaufträge, Inflation und Geldpolitik
Im September wuchsen die deutschen Fabrikaufträge überraschend um 4,4 Prozent, während die französische Industrieproduktion um 0,5 Prozent zurückging. Parallel dazu zeigte die vorläufige HVPI-Teuerungsrate der Eurozone einen Anstieg auf 4,0 Prozent, was den Europäischen Zentralbank-Rahmen weiterhin auf einer restriktiven Linie hält. Diese Preisstabilitätspolitik könnte die Erholung der Industrie kurzfristig bremsen, weil Kredite teurer bleiben und die Nachfrage gedämpft wird.
Gleichzeitig setzten geldpolitische Entscheidungen in Großbritannien und Norwegen Akzente, während Rohstoffpreise nach einem vorherigen Einbruch wieder Stabilität anstreben. Die Kombination aus moderatem Auftragseingang, hoher Inflation und einer zurückhaltenden Geldpolitik macht die Lage für europäische Unternehmen anspruchsvoll, jedoch nicht unüberwindbar – vor allem, weil die jüngsten Gewinne zeigen, dass die Unternehmen ihre Effizienz steigern können.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das trilaterale Treffen in Berlin klare Signale für Reformbedarf sendet, während die Märkte bereits auf die Schwächen der US-Tech-Bewertungen reagieren. Die nächste Phase wird davon abhängen, ob politische Entscheidungsträger die geforderten Rahmenbedingungen schaffen und ob europäische Unternehmen ihre Produktivitätsgewinne weiter ausbauen können.



