Die deutsche Bahninfrastruktur steht im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Während die Investitionen des Bundes kontinuierlich steigen, bleibt der Zustand des Schienennetzes weiterhin kritisch. Im Jahr 2026 wurden pro Kopf 222 Euro in das Schienennetz investiert, ein deutlicher Anstieg gegenüber den Vorjahren. Dennoch zeigen sich massive Herausforderungen, die eine langfristige Strategie erfordern.
Die Allianz Pro Schiene und die Unternehmensberatung SCI Verkehr haben die aktuellen entwicklungen analysiert und warnen vor den Konsequenzen einer unzureichenden Finanzierung. Der Zustand des Netzes wird jährlich mit Schulnoten bewertet und bleibt trotz der Milliarden-Investitionen bei einer Note 3,0.
Investitionen im Vergleich: Deutschland im oberen Mittelfeld
Im europäischen Vergleich landet Deutschland mit seinen Pro-Kopf-Investitionen im oberen Mittelfeld. Hinter Luxemburg, der Schweiz, Österreich, Schweden und Norwegen belegt Deutschland Platz sechs. Die Investitionen stiegen von 56 Euro im Jahr 2015 auf 222 Euro im Jahr 2026. Dennoch bleibt der Zustand des Netzes problematisch, da über Jahrzehnte hinweg zu wenig Geld in die Infrastruktur gesteckt wurde.
Die Deutsche Bahn hat im Jahr 2026 rund 26.000 Baustellen absolviert, was die Dringlichkeit der Sanierungsmaßnahmen unterstreicht. Die Zustandsnote des Netzes blieb trotz dieser Maßnahmen bei 3,0. Alle Anlagen mit einer Note von 4 oder schlechter gelten als erneuerungsbedürftig.
Langfristige Finanzierung und Planungssicherheit
Die Allianz Pro Schiene fordert eine verlässliche Finanzierung über mehrere Jahre, ähnlich wie in der Schweiz und Österreich. Diese Länder haben mehrjährige Investitionspläne, die Planungssicherheit für die Bauwirtschaft bieten. In Österreich gibt es beispielsweise einen sechsjährigen Rahmenplan, der jedes Jahr fortgeschrieben wird.
Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz Pro Schiene warnt vor der Verschwendung von Steuergeld. „Wenn die Bagger auf der Baustelle sind und die weitere Baufinanzierung stockt, dann ist das ein Problem“, sagt Flege. Er fordert eine bessere Steuerung der Investitionen und eine Verstetigung der Mittel.
Kritik an Korridorsanierungen und Wettbewerb
Die Deutsche Bahn setzt derzeit auf die Sanierung besonders wichtiger Strecken, sogenannte Korridorsanierungen. Bis Mitte der 2030er Jahre sollen rund 40 solcher Sanierungen abgeschlossen werden. Doch das Konzept stößt auf Kritik, da drei Sanierungen nicht rechtzeitig fertig wurden oder es anschließend Einschränkungen gab.
Flege ruft die Bahn und das Bundesverkehrsministerium auf, bei der Überprüfung des Konzepts Branchenverbände und Baufirmen einzubeziehen. „Es muss mehr Kapazität dabei rauskommen, als wenn man einfach nur alte Teile durch neue ersetzt“, betont Flege. Sonst schwinde die Akzeptanz an dem Konzept mit mehrmonatigen Vollsperrungen.
Zusätzlich zum Infrastrukturproblem steht die Bahn vor der Herausforderung des Wettbewerbs. Das italienische Unternehmen Italo plant, ab 2028 den ICE und Intercity der Deutschen Bahn Konkurrenz zu machen. Fahrgastverbände, Gewerkschaften und Verkehrsverbünde warnen davor, dass der Markteinstieg von Italo zulasten des Regional- und Fernverkehrs in der Fläche gehen könnte.
Die Deutsche Bahn dominiert derzeit rund 95 Prozent des Fernverkehrs in Deutschland. Der nahezu einzige größere Wettbewerber ist die Reiseplattform Flix mit ihren grünen Zügen. Die Sorge ist, dass die Bahn Nebenverbindungen nicht mehr finanzieren kann, wenn sie auf den wirtschaftlichen Rennstrecken zwischen den Metropolregionen Trassen abgeben müsste.


