Am Sonntag entscheidet Brasilien über die vierte Amtszeit des 80-jährigen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. Der direkte Herausforderer ist Flávio Bolsonaro, Sohn des eingesperrten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro. Während die Umfragen das Rennen als beinahe ausgeglichen darstellen, überschattet ein Netz aus Korruption, Wohltätigkeit und einem dubiosen Banker die gesamte Kampagne.
Im Viertel Rua Ronald de Carvalho in Rio herrscht ausgelassene Stimmung: Unterstützer von Lula jubeln im Restaurant „Os Imortais“, feiern mit roter Kleidung und Slogans wie „Fuck USA“ ein Hinweis auf die von Donald Trump initiierten Strafzölle. Parallel dazu zieht das rechte Lager im sogenannten „Haus der Rechten“ in São Paulo seine Banner aus, auf denen Lula muss weg, Moraes muss weg steht. Beide Lagern mobilisieren in den letzten Tagen vor der Wahl jede noch so kleine Ressource, um die unentschiedene Wählerschaft zu erreichen.
Der Wahlkampf im Schatten von Skandalen
Lula versucht, das Vertrauen der Bevölkerung durch eine Erweiterung des Sozialprogramms Bolsa Família zu stärken. Die staatlichen Transferleistungen werden um 15 % erhöht, zusätzlich sollen Kredite für verschuldete Familien übernommen werden. Laut Schätzungen von Poder360 belaufen sich die angekündigten Maßnahmen auf rund 411,2 Milliarden Real, also etwa 69,5 Milliarden Euro. Die Finanzierung erfolgt trotz einer Staatsverschuldung von 93,3 % des BIP – ein Rekordwert für Lateinamerika – und der Warnungen von Ratingagentur Moody’s vor steigender Inflation.
Auf der anderen Seite wirft die rechte Kampagne ihrem Gegner und dessen Unterstützer, insbesondere Richter Alexandre de Moraes Korruption vor. Vorwürfe besagen, dass die Kanzlei der Richterin von dem früheren Banker Daniel Vorcaro Milliardensummen erhalten hat, während Vorcaro angeblich bei den Ermittlungen zum Putschversuch von 2022/23 beratend tätig war. Ebenso wird Flavio Bolsonaro verdächtigt, finanzielle Zuwendungen aus dem Netzwerk um Vorcaro erhalten zu haben – unter anderem für ein geplantes Film-Biografieprojekt über seinen Vater, das laut Medienberichten mit rund 61 Millionen Real (etwa 9 Millionen Euro) dotiert sein soll.
Finanzielle Manöver und der Banco-Master-Betrug
Der Kern des Skandals liegt im Zusammenbruch der Banco Master betrieben von Daniel Vorcaro. Ermittler beschreiben ein groß angelegtes Ponzi-System bei dem monatlich Gelder von Hunderttausenden armen Rentnern und Staatsbediensteten ohne deren Zustimmung von deren Konten abgezogen wurden. Die Täter nutzten das Geld, um luxuriöse Partys zu finanzieren – etwa eine Halloween-Feier im Nachtclub Madame Satã, bei der laut Polizeibericht ausschließlich junge Frauen, zur Hälfte aus dem Ausland, eingeladen wurden. Vorcaros Lebensstil umfasste zudem eine 64-Millionen-Pfund-Villa in Miami und teure Auftritte mit internationalen Stars, die laut Gerichtsdokumenten rund 28 Millionen Pfund kosteten.
Trotz wiederholter Warnsignale von Wirtschaftsprüfern und internen Hinweisen blieb die brasilianische Zentralbank sowie der staatliche Einlagensicherungsfonds weitgehend untätig. Der Zusammenbruch der Bank löste im vergangenen Jahr Entschädigungszahlungen von über 8 Milliarden Pfund aus, während das Institut für Finanzaufsicht erst nach hartnäckigem Nachfragen von Journalist*innen, namentlich Consuelo Dieguez auf gravierende Die Ermittlungen der Bundespolizei laufen weiter, um die Verflechtungen zwischen Vorcaro, politischen Akteuren und den betroffenen Bürgern vollständig aufzudecken.
Inmitten dieser Verwicklungen bleibt die Wahlbeteiligung entscheidend. Viele Brasilianer äußern wachsende Skepsis gegenüber beiden Kandidaten, da sowohl Lula als auch Flavio Bolsonaro in separate Korruptionsaffären verwickelt sind. Die intensive mediale Berichterstattung, die kaum noch Plätze für reguläre Wahlkampagnen lässt, lässt die traditionellen Wahlkampf-Methoden in den Hintergrund rücken. Die Bürgerinnen und Bürger treten am Sonntag damit nicht nur vor die Wahlurne, sondern auch in einen undurchsichtigen Kampf um Transparenz und Gerechtigkeit.



