Die beiden Mitbegründer Özlem Türeci und Uğur Şahin haben angekündigt, das Unternehmen, das mit dem mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 weltweite Aufmerksamkeit erlangte, zu verlassen und ein neues Projekt namens Arife zu starten. Gleichzeitig bereitet der Vorstandseindruck vielen Aktionären Kopfzerbrechen, weil klare Entscheidungen zu fehlen scheinen.
Gründerabgang und die Reaktion des Aufsichtsrats
Unternehmensanalyst Bernd Förtsch bezeichnet den gesamten Vorgang als „Kindergarten-Management“ und kritisiert die fehlende Transparenz. Er weist darauf hin, dass BioNTech mit einer Marktkapitalisierung von rund 21 Milliarden Euro eigentlich die Standards eines DAX-Unternehmens erfüllen sollte. Stattdessen gebe es vage Antworten auf Fragen zu Patenten und Vermögenswerten, und es fehle ein konkreter Plan für die Nachfolge der Gründer. Der Aufsichtsratsvorsitzende Helmut Jeggle habe enge Kontakte zu den Großaktionären Andreas und Thomas Strüngmann doch der erwartete Druck auf das Management fehle bislang.
Aktienkurs und neue Onkologie-Daten
Am Handelstag nach der regulären Börsenzeit notierte die BioNTech-Aktie bei 86,38 Euro ein leichter Anstieg von 0,27 % gegenüber dem Vortag. Dieser leichte Aufwärtstrend spiegelte nicht nur die allgemeine Marktstimmung, sondern auch die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse der Phase-3-Studie PRESERVE-003 wider. Die nicht-pivotalen Daten zur Prätherapie Gotistobart zeigten ein medianes Gesamtüberleben von 18,5 Monaten im Vergleich zu 10,0 Monaten unter Docetaxel. Die Studie umfasste 87 Patientinnen und Patienten mit vorbelastetem Plattenepithelkarzinom der Lunge – ein schwieriges Segment, das die Wirksamkeit der Therapie besonders deutlich testet.
Patentstreit mit Moderna und weitere Rechtsfragen
Parallel zu den klinischen Fortschritten läuft ein Rechtsstreit vor dem Einheitlichen Patentgericht, in dem Moderna gegen BioNTech und Pfizer wegen eines weiteren Patents im Zusammenhang mit dem Covid-19-Impfstoff „Comirnaty“ klagt. Moderna fordert Schadensersatz für frühere Verkäufe und will sich gegen zukünftige Vertriebseinschränkungen schützen. Obwohl das Verfahren noch in den Anfangsphasen steckt, kann es die künftigen Lizenz- und Vermarktungsstrategien von BioNTech erheblich beeinflussen.
Zusammenhang mit dem Bayer-Patentverfahren
Ein weiterer juristischer Kontext entsteht durch die jüngste Entscheidung eines US-Bezirksgerichts, das die Anträge von Pfizer, BioNTech und Moderna, die laufenden Patentklagen von Bayer CropScience abzuweisen, zurückwies. Damit bleibt das Verfahren aktiv, in dem Bayer die Gentechnik-Methoden von mRNA-basierten Impfstoffen schützt. Für Investoren bedeutet dies ein längeres, potenziell teureres Rechtsverfahren, das die Bewertung von BioNTech zusätzlich belastet.
Finanzielle Lage und strategische Fragen
BioNTech verfügt laut Geschäftsbericht über liquide Mittel in Höhe von 16,6 Milliarden Euro jedoch fehlt ein klarer Investitionsplan. Analysten weisen darauf hin, dass kurzfristige US-Staatsanleihen derzeit über vier Prozent Rendite bringen – ein möglicher Jahresüberschuss von rund 700 Millionen Euro, wenn das Geld dort angelegt würde. Stattdessen wurden jüngst Werke von CureVac geschlossen, obwohl BioNTech bei deren Übernahme hohe Summen investiert hatte. Die Kombination aus stillstehenden Investitionen, fluktuierendem Aktienkurs und den offenen Rechtsstreitigkeiten lässt die Zukunft des Unternehmens ungewiss erscheinen.
Ausblick für Aktionäre
Für die Anteilseigner steht nun die Frage im Raum, ob ein Wechsel zu Arife die mRNA-Stärke von BioNTech untergräbt oder neue Wachstumschancen eröffnet. Ein schneller Rücktritt der Gründer aus dem Vorstand könnte die Unsicherheit mindern, doch ohne einen klaren Nachfolgeregelungs- und Lizenzplan droht ein langfristiger Vertrauensverlust. Während Mitbewerber wie Moderna weiterhin stark aufsteigen – deren Aktienkurs hat sich seit Mitte August mehr als verdreifacht – muss BioNTech seine Position in der mRNA-Technologie verteidigen, sowohl operativ als auch juristisch.



