Deutschland hat sich als globaler Vorreiter bei Investitionen in immaterielle Werte etabliert. Laut einer Studie der Weltorganisation für geistiges Eigentum (Wipo) und der Luiss Business School beliefen sich die privaten und öffentlichen Ausgaben für Forschung, Software, Design und andere immaterielle Güter im Jahr 2026 auf knapp 728 Milliarden US-Dollar. Damit belegt Deutschland weltweit den dritten Platz hinter Japan und den USA.
Die Daten wurden vom Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) in München veröffentlicht. Eva Schewior Präsidentin des DPMA, betonte die Bedeutung dieser Investitionen: „Know-how und Schutzrechte des geistigen Eigentums sind entscheidend für die internationale Wettbewerbsfähigkeit und die globale Entwicklung des Wohlstands.“
Immaterielle Investitionen als Wachstumstreiber
Die immateriellen Investitionen umfassen eine Vielzahl von Ausgaben, die über die traditionelle Definition von Investitionen in Maschinen oder Fabriken hinausgehen. Dazu gehören neben Forschung und Entwicklung auch Software, Finanzprodukte, Design und Marken. In Deutschland machten diese Investitionen 2026 11,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus, deutlich mehr als die 10,4 Prozent der traditionellen materiellen Investitionen.
Die USA führen die Rangliste mit einem enormen Abstand an. Allein im Jahr 2026 wurden dort knapp fünf Billionen Dollar in immaterielle Werte investiert – fast die Hälfte der weltweiten Gesamtsumme von zehn Billionen Dollar. Japan folgt mit 810 Milliarden Dollar auf dem zweiten Platz. Während die materiellen Investitionen in Deutschland stagnieren, zeigen die USA und andere Länder ein dynamisches Wachstum.
Deutsche Industrie vor Herausforderungen
Die deutsche Wirtschaft leidet unter einem historischen Investitionsstillstand. Eine aktuelle Analyse der Unternehmensberatung McKinsey zeigt, dass die produktiven Nettoinvestitionen hierzulande nur noch 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachen. „Das Wachstum des pro Arbeitskraft verfügbaren Kapitalstocks ist praktisch zum Stillstand gekommen“, urteilen die Autoren der Studie.
Der Kapitalstock erfasst den gesamten Bestand physischen Kapitals einer Volkswirtschaft, einschließlich Maschinen, Anlagen, Gebäuden und Infrastruktur. Produktive Nettoinvestitionen sind Ausgaben für echte Erweiterungen und neue Projekte, jenseits des Ersatzes verschlissener Anlagen. In Deutschland fließen die Gelder fast ausschließlich in den Erhalt bestehender Kapazitäten, während neue Produktionsanlagen oder Erweiterungen kaum noch eine Rolle spielen.
Im Vergleich zu anderen Ländern liegt Deutschland am unteren Ende der Rangliste. In Frankreich, Italien und Spanien liegen die Nettoinvestitionsquoten bei über zwei Prozent, in Griechenland und Portugal sogar bei über vier Prozent. In China erreichten die Nettoinvestitionen 2026 einen Anteil von 23 Prozent der Wirtschaftsleistung, in den USA vier Prozent und in der Europäischen Union insgesamt zwei Prozent.
Hohe Kosten als Standortnachteil
Die Studie identifiziert hohe Kosten als zentralen Standortnachteil für Deutschland. In zehn untersuchten Branchen liegen die Gesamtkosten für neue Investitionsvorhaben zwischen 40 und 250 Prozent über dem Niveau am jeweils günstigsten internationalen Standort. So ist die Entwicklung neuer Elektroauto-Plattformen in Deutschland drei- bis viermal teurer als bei einem chinesischen Hersteller im Heimatmarkt.
Die deutschen Lohnkosten sind etwa doppelt so hoch wie in China, während die Produktivität niedriger ausfällt. Taiwan sticht mit einer 30 Prozent höheren Produktivität hervor als China, wodurch die ebenfalls höheren Personalkosten auf der Insel kompensiert werden. „Lohnunterschiede sind der entscheidende Faktor für die regionalen Unterschiede bei den Herstellungskosten“, fassen die Analysten zusammen.
Hinzu kommen hohe Energiekosten. Die Stromkosten in Deutschland liegen fast doppelt so hoch wie im Oman, was die Kosten für eine Tonne Stahl um 80 US-Dollar (15 Prozent) erhöht. Subventionen für die deutsche Schwerindustrie, die die Stromkosten für einzelne Produzenten senken, sind in dieser Berechnung noch nicht berücksichtigt.
Bürokratie und Schuldenbremse als Wachstumshemmnisse
Lange Entwicklungszeiten für innovative Produkte und langwierige behördliche Genehmigungsverfahren hemmen laut Analysten die Investitionsbereitschaft. In Deutschland beträgt die durchschnittliche Dauer für die Erteilung einer Baugenehmigung für Nichtwohngebäude rund 200 Tage, verglichen mit etwa 60 Tagen in den USA, 40 Tagen in Festlandchina und 30 Tagen in Indien.
Ein weiteres Wachstumshemmnis sind geringere staatliche Investitionen. In diesem Zusammenhang wird explizit auf die Schuldenbremse verwiesen. Die Studie zeigt, dass die Länder, die in den Jahren 2009/2010 am stärksten von der Euro-Schuldenkrise betroffen waren, heute deutlich höhere Nettoinvestitionsquoten aufweisen als Deutschland.
Unternehmen halten sich bei Investitionen zurück
Trotz eines hohen Bedarfs halten sich deutsche Unternehmen bei Investitionen zurück. In einer aktuellen Befragung der staatlichen KfW-Bank gaben 92 Prozent der Firmen an, grundsätzlich investieren zu müssen. Doch nur 61 Prozent wollen in den kommenden zwölf Monaten tatsächlich Projekte umsetzen. An erster Stelle des Bedarfs nannten 53 Prozent der 1.567 Teilnehmer Investitionen in die Informationstechnologie.
Rückblickend berichteten nur noch 57 Prozent von Investitionen in den vergangenen zwölf Monaten. Dieser Wert lag noch unter dem Tiefstwert aus dem Krisenjahr 2009, als noch 68 Prozent investierten. Gründe für die Zurückhaltung sind die angespannte wirtschaftliche Lage der Unternehmen und der zunehmend schwierige Zugang zu Finanzierungen. Vor allem kleinere Firmen klagen, schwerer an Kredite zu kommen.
Stefan Wintels Chef der KfW, erklärt: „Deutschland steht vor einer großen Investitionsaufgabe – staatlich wie privat. Unsere Unternehmen wissen dabei sehr genau, wo sie investieren müssen – in Digitalisierung, Dekarbonisierung, Innovation. Doch zu viele Projekte bleiben seit Jahren in der Warteschleife.“ Eine neue Dynamik könne erreicht werden mit weniger Bürokratie, stärkerer Planungssicherheit, qualifizierter Einwanderung und verlässlich verfügbaren Finanzierungen.

