Im Herbst hat die Bundesregierung ihre Jahresprognose nach oben korrigiert: Für das laufende Jahr wird ein Wirtschaftswachstum von 1,3 % erwartet. Damit liegt die Schätzung fast dreimal höher als die im Frühjahr veröffentlichte Zahl von 0,5 %. Die Anpassung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die deutsche Konjunktur von den Folgen des Iran-Kriegs und stark gestiegenen Energiepreisen belastet wurde, sich aber überraschend robust zeigt.
Neues Wachstumspaket 2026: 1,3 % Prognose
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche begründete die Aufwärtskorrektur mit drei Haupttreibern: ein Anstieg der Exporte verstärkte Staatsinvestitionen und ein signifikanter Anstieg der Verteidigungsausgaben. Laut Ministerium hat die deutsche Industrie im zweiten Quartal von globalen Lieferengpässen profitiert, weil internationale Käufer ihre Lagerbestände mit energieintensiven Gütern aufstockten – ein Trend, der das Exportvolumen kurzfristig beflügelt hat. Gleichzeitig wirft das Wirtschaftsministerium einen Blick auf die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft: Trotz der unsicheren Lage im Nahen Osten haben Unternehmen ihre Produktionskapazitäten weitgehend aufrechterhalten.
Reiche betonte, dass die Talsohle nun überwunden sei: „Wir haben die Tiefphase hinter uns, die Wirtschaft wächst wieder.“ Sie warnt jedoch, dass dies nur der Anfang sei und dass ein nachhaltiger Aufschwung nur gelingen könne, wenn strukturelle Hürden abgebaut werden. Derweil bleibt die Lage laut Ministerin fragil, weil äußere Schocks – insbesondere die Unsicherheit rund um den Iran-Konflikt – weiterhin das Umfeld prägen.
Ausblick 2027/2028 und geopolitische Einflüsse
Für das nächste Kalenderjahr hat die Regierung ihre Prognose auf 1,1 % angehoben, zuvor hatte sie noch von 0,9 % ausgegangen. Dieser leichte Aufschwung hängt stark vom Ausgang der geopolitischen Streitigkeiten im Nahen Osten und in der Ukraine ab. Sollte sich dort eine dauerhafte Entspannung einstellen, könnten sinkende Energiepreise die Wirtschaft zusätzlich stimulieren. Umgekehrt würde ein Anhalten der Konflikte die Kosten für Unternehmen und private Haushalte weiter erhöhen und den Wachstumspfad bremsen.
Im Jahr 2028 wird ein deutlich niedrigeres Wachstum von nur 0,6 % prognostiziert. Diese Abschwächung spiegelt die erwartete Verlangsamung nach der Phase des Aufschwungs wider und verdeutlicht, dass die wirtschaftliche Erholung auf einem schmalen Fundament steht. Experten weisen darauf hin, dass ohne weiterführende strukturelle Maßnahmen selbst diese moderate Steigerung schwer zu halten sein wird.
Strukturreformen und kritische Wirtschaftsstimmen
Reiche nutzte die Gelegenheit, um auf die noch offenen Hausaufgaben hinzuweisen. Sie fordert flexiblere Arbeitszeiten, eine Stabilisierung der Sozialabgaben weniger Bürokratie und wettbewerbsfähige Energiepreise. Die schwarz-rote Koalition steht dabei vor umstrittenen Vorhaben wie einer Rentenreform und umfangreichen Änderungen am Arbeitsmarkt. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) warnt hingegen vor übertriebenem Optimismus. Laut DIHK-Chefvolkswirt Volker Treier habe die Exportdynamik nach einem kurzen Aufschwung wieder nachgelassen, was er als „ein laues Lüftchen“ bezeichnete. DIHK-Geschäftsführerin Helena Melnikov fügte hinzu, dass der aktuelle Aufschwung „teuer erkauft“ sei, weil er stark von Schuldenfinanzierung und Exporten in den EU-Binnenmarkt abhänge. Ohne substantielle wirtschaftspolitische Reformen könne dieser Aufschwung nur von kurzer Dauer sein.



