Die Aussicht, dass ein Quantencomputer in der Lage sein könnte, öffentliche Schlüssel von Blockchains in Sekunden zu entschlüsseln, hat die Kryptogemeinde seit Jahren beschäftigt. Klassische Signaturverfahren wie das elliptische-Kurven-Digital-Signature-Algorithmus (ECDSA) gelten heute als praktisch unknackbar, weil die erforderliche Rechenleistung bei konventionellen Rechnern astronomisch ist. Der Shor-Algorithmus ändert dieses Bild: Er reduziert das Problem auf eine polynomielle Laufzeit, vorausgesetzt, ein ausreichend großer und fehlerkorrigierter Quantenprozessor existiert.
Aktuelle Forschung aus den Bereichen Ethereum Foundation, Theta Labs und StarkWare hat den bislang angenommenen Aufwand für einen ersten Schritt eines solchen Angriffs deutlich nach unten korrigiert. Ein neu konzipierter Schaltkreis mit rund 1.151 logischen Qubits und etwa 1,3 Millionen Toffoli-Gattern führt zu einem geschätzten Aufwand von rund 1,5 Milliarden logischen Operationen – knapp die Hälfte des früheren Referenzwertes von Google Quantum AI (ca. 3 Milliarden). Durch weitere Optimierungen im Rahmen der offenen Challenge ECDSA.Fail sank das Ergebnis schließlich auf etwa 1,26 Milliarden, wobei ein einzelner Vorschlag die benötigte Größe sogar auf 813 Qubits reduzierte.
Post-Quanten-Kryptografie: Was blockiert die Einführung?
Im Jahr 2024 hat das US-National Institute of Standards and Technology (NIST) die ersten post-quanten-resistenten Algorithmen standardisiert, darunter ML-DSA (gitterbasiert) und SLH-DSA (hashbasiert). Für Blockchains bedeutet das jedoch mehr als nur einen Algorithmus-Swap: Die neuartigen Signaturen sind deutlich größer und benötigen mehr Rechen- und Speicherressourcen. Während ein herkömmliches ECDSA-Signature-Payload nur wenige Dutzend Bytes umfasst, können ML-DSA-Signaturen mehrere Kilobyte groß sein. Da jede Node jede Transaktion permanent prüft und speichert, steigen sowohl Speicherbedarf als auch Verarbeitungszeit beträchtlich – ein kritischer Kostenfaktor für dezentrale Netzwerke.
Zusätzlich zur Signatur-Schicht müssen weitere Bausteine der Infrastruktur angepasst werden. Hardware-Wallet-Firmware, die momentan für elliptische Kurven optimiert ist, muss künftig größere Signaturformate verarbeiten können. Auch die Hash-Verkettung, die das Rückgrat der Blockkette bildet, wird als robuster gegenüber Quantenangriffen angesehen, doch die Transaktionssignaturen bleiben der Schwachpunkt. Deshalb verfolgen die Entwickler **mehrere parallel laufende Upgrades**: Erstens die Einführung quantenresistenter Signaturen, zweitens die Anpassung von Protokoll-Parametern und schließlich die Optimierung von Speicher- und Netzwerk-Effizienz.
Roadmaps: Bitcoin- und Ethereum-Strategien bis 2029
Bitcoin-Entwickler setzen auf schrittweise Migrationen, um den Konsens nicht zu gefährden. Der vorgeschlagene BIP 360 führt den neuen Adresstyp P2MR ein, der bereits die Möglichkeit vorsieht, später auf post-quanten-fähige Signaturen umzustellen, ohne eine harte Fork zu erzwingen. Parallel dazu wird an einer Erweiterung des Taproot-Mechanismus gearbeitet, die das Einbinden neuer kryptografischer Primitive erleichtern soll. Trotz dieser Vorarbeiten bleibt die endgültige Quantensicherheit für Bitcoin noch offen – ein vollständiger Übergang wird voraussichtlich erst gegen Ende des nächsten Jahrzehnts realistisch sein.
Ethereum hat einen noch ambitionierteren Zeitplan definiert. Das Netzwerk will bis Dezember 2029 die Basis vollständig gegen Quantenangriffe absichern. Im Rahmen des bevorstehenden Hegotá-Upgrades (geplant für das zweite Quartal 2027) wird die EIP-8141 implementiert, die sogenannte „Frame Transactions“ einführt und damit flexiblere Validierungsmechanismen bereitstellt. Quantensichere Algorithmen aus der SPHINCS-Familie sollen dabei eingesetzt werden, obwohl sie bis zu 250 000 Gas pro Transaktion benötigen – ein deutlicher Anstieg gegenüber den rund 4 000 Gas, die ein herkömmlicher ECDSA-Aufruf kostet. Eine unabhängige Prüfung der Änderungen ist für Januar 2027 geplant, um sicherzustellen, dass die Implementierung den hohen Sicherheitsansprüchen genügt.
Die wirtschaftliche Dimension darf nicht übersehen werden. Der US-Handelsminister hat im September Fördermittel aus dem CHIPS-Act in Höhe von bis zu 100 Millionen Dollar für Unternehmen wie Rigetti Computing, D-Wave und Quantinuum zugesagt. Diese Mittel fließen in die Entwicklung fehlertoleranter Quantenhardware, die langfristig sowohl Angriffskapazitäten als auch defensive Lösungen ermöglicht. Für Investoren bedeutet das, dass das Quantenrisiko zwar aktuell noch theoretisch ist, aber die Infrastruktur, die einen Angriff ermöglichen könnte, bereits im Aufbau ist.
Die Roadmaps von Bitcoin und Ethereum zeigen, dass beide Communities das Problem ernst nehmen, jedoch unterschiedliche Zeitrahmen und technische Pfade verfolgen. Für Nutzer, Wallet-Hersteller und Miner bleibt es entscheidend, die Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen und rechtzeitig auf die neuen Standards zu migrieren, um die langfristige Sicherheit der größten Blockchain-Netzwerke zu gewährleisten.



