Vor über einem Jahrzehnt prägte Marc Andreessen mit seinem vielzitierten Aufsatz „Warum Software die Welt frisst“ die Diskussion über den Einfluss von Software auf verschiedene Industrien. In seinem Artikel analysierte er, wie Softwareanbieter traditionelle Geschäftsmodelle, von den Medien bis zum Einzelhandel, umgestalteten. Die Einführung von Breitbandinternet und Smartphones beschleunigte diesen Wandel erheblich. Sinkende Startkosten durch Cloud-Lösungen und moderne Softwareentwicklungstools ermöglichten es neuen Unternehmen, bestehende Industrien zu disruptieren.
Heute steht die Frage im Raum, ob künstliche Intelligenz (KI) die Softwarebranche auf ähnliche Weise transformieren wird.
Viele Experten und Investoren gehen davon aus, dass KI-Agenten in naher Zukunft wesentliche Aufgaben in Unternehmen übernehmen könnten. Diese Annahme hat bereits zu einem massiven Rückgang der Aktienkurse vieler Unternehmenssoftware-Anbieter geführt, was den Eindruck einer bevorstehenden Krise in dieser Branche erweckt.
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Die aktuelle Situation der Unternehmenssoftware
Die letzten Monate waren geprägt von einem dramatischen Rückgang bei Enterprise SaaS-Aktien, insbesondere bei älteren Unternehmen wie Salesforce und Adobe, die über Jahre hinweg vor allem durch Übernahmen gewachsen sind. Diese Unternehmen, die sich in einem stagnierenden Wachstum befinden, stehen nun unter Druck. Interessanterweise sind auch viele neuere Softwareunternehmen, die zuvor hoch bewertet wurden, von einem ähnlichen Schicksal betroffen. Beispiele wie Atlassian, HubSpot und GitLab haben in den letzten zwölf Monaten über 50 % ihres Wertes verloren, obwohl sie zuvor als Wachstumschampions galten.
Der Druck durch neue Marktteilnehmer
Ein entscheidender Faktor, der zu diesem Rückgang beigetragen hat, ist das Aufkommen neuer Unternehmen, die durch hohe Bruttomargen und schnelleres organisches Wachstum bestechen. Diese jüngeren Firmen, die oft innovative Technologien nutzen, sind in der Lage, ihre Produkte effizienter zu vermarkten. Marktanalysen zeigen, dass die Bewertungen dieser Unternehmen im Vergleich zu ihren Umsätzen oder Cashflows so niedrig sind wie nie zuvor. Diese Entwicklung hat zu einem massiven Ausverkauf geführt, da Investoren sich von traditionellen Softwarewerten abwenden und nach neuen Möglichkeiten suchen.
Die Zukunft der Unternehmenssoftware im Zeitalter der KI
Die Frage bleibt, wie die Unternehmenssoftware in einer Welt aussehen wird, in der KI eine zunehmend zentrale Rolle spielt. Es ist denkbar, dass Unternehmen in Zukunft KI-gestützte Vibe-Coding-Tools nutzen werden, um ihre maßgeschneiderte Unternehmenssoftware zu entwickeln, anstatt auf teure Abonnements bewährter SaaS-Anbieter zurückzugreifen. Mit den Fortschritten in der KI-Technologie, insbesondere bei neuen Tools wie Claude Code oder Lovable, könnte es für Unternehmen einfacher werden, ihre eigenen ERP– oder CRM-Systeme zu erstellen.
Die Reaktionen der Investoren
Die Finanzmärkte zeigen bereits Anzeichen von Unsicherheit. Viele Analysten sind sich uneinig über die Zukunft der Unternehmenssoftware-Anbieter und befürchten, dass das vorhersehbare Wachstum, das durch wiederkehrende Einnahmen ermöglicht wurde, nicht mehr gegeben sein könnte. Diese Unsicherheit spiegelt sich in den Aktienkursen wider und hat zu einem signifikanten Rückgang geführt. Investoren scheinen zu glauben, dass die Zeit der traditionellen Unternehmenssoftware zu Ende geht, was die derzeitige Panik an den Märkten erklärt.
Als jemand, der seit 25 Jahren in der Softwarebranche tätig ist, möchte ich die momentane Hysterie relativieren. Die Realität ist oft komplexer, als sie auf den ersten Blick erscheint. Die KI hat das Potenzial, viele Prozesse zu optimieren, aber es bleibt abzuwarten, wie Unternehmen diese Technologien tatsächlich integrieren werden.
